Google+

Islamfeindlichkeit: Presserat rügt Basler Zeitung

3

12. Dezember 2013 von Schlemihl

Anfang April dieses Jahres hatte ich hier über den tendenziösen und islamfeindlichen Online-Artikel der Basler Zeitung (BaZ) „Alle fünf Minuten wird ein Christ ermordet“ berichtet und aufgedeckt, dass die BaZ einen islamfeindlichen Rechtsextremisten als „Experten“ zitierte. Nun rügt der Presserat die Basler Zeitung (BaZ) für diesen Artikel massiv. Trotzdem hat die Basler Zeitung den Online-Artikel bis heute nicht gelöscht.

Islamfeindlicher Rechtsextremist als „Experte“ aufgeführt
Der polemische und einseitig islamfeindliche Artikel „Alle fünf Minuten wird eine Christ ermordet“ von BaZ-Redaktor Thomas Wehrli vom 29. März 2013 basiert vorwiegend auf den fragwürdigen Zahlen des christlich-fundamentalistischen Organisation „Open Doors“. Weiter beruft sich Wehrli auf Aussagen des „deutschen Soziologen Michael Mannheimer“. Nur handelt es sich bei „Michael Mannheimer“ um das Pseudonym des erstinstanzlich verurteilten rechtsextremen Volksverhetzers Karl-Michael Merkle.

Trotz Rüge des Presserats ist der islamfeindliche BaZ-Artikel immer noch online.

Trotz Rüge des Presserats ist der islamfeindliche BaZ-Artikel immer noch online.

Tages-Anzeiger, Bund und Berner Zeitung löschen Artikel
Wehrlis Artikel wird automatisch von den Online-Portalen vom „Tages-Anzeiger“, „Der Bund“ und der „Berner Zeitung“ übernommen. Nachdem ich die entsprechenden Redaktionen über den Artikel und insbesondere über den Bezug zu „Michael Mannheimer“ informiert hatte, wurde der Artikel von allen drei Redaktionen umgehend gelöscht. Arthur Vogel, Chefredaktor des Bund schrieb mir dazu:

„Es ist richtig, dass der von Ihnen erwähnte Artikel aus der Basler Zeitung auch unter derbund.ch abrufbar war. Grund ist dieser: Die Newsnet-Redaktion in Zürich, welche unter anderem die Webseiten des Tages-Anzeigers, der BaZ, der Berner Zeitung, des Bund usw. beliefert, kann sich bei den Inhalten all dieser Blätter frei bedienen und diese online stellen. Offenbar war sich der Kollege/die Kollegin, die den erwähntwen Artikel ins Netzt stellte, über dessen fragwürdigen Inhalt nicht im klaren. Wir haben ihn inzwischen entfernt.

Von der Basler Zeitung und vom Autor des Artikel, Thomas Wehrli, warte ich hingegen bis heute auf eine Antwort auf meine Beschwerde.

Fragwürdige Quellen und Plagiate
Auch der deutsche Journalist Hardy Prothmann beschäftigte sich mit Wehrlis Artikel. Er verglich auf seinem Blog den BaZ-Artikel mit „Mannheimers“ Hetzblog und fand zahlreiche Übereinstimmungen: „Plagiierte Islam-Hetze durch die Basler Zeitung„.

Anfang Mai publiziert Oliver Wäckerlig, Assistent am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich, auf „Medienspiegel.ch“ eine hervorragende Analyse zum Thema: „Macht sich Islamfeindlichkeit auch in etablierten Medien breit?„. Wäckerlig beschwert sich zudem wie auch die „Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ)“ beim Pressrat über den Artikel.

Parallelen zur Weltwoche
Das nationalkonservative und SVP-nahe Wochenblatt „Die Weltwoche“ hat in den letzten Jahren, insbesondere seit der Lancierung der Anti-Minarett-Initiative der SVP zahlreiche tendenziös islamfeindliche Artikel verfasst. Darunter im Übrigen einen Artikel mit praktisch dem gleichen Titel wie Wehrlis BaZ-Artikel. Auch inhaltlich sind die Artikel sehr ähnlich. Auch die Weltwoche beruft sich auf die Zahlen von „Open doors“ und auf eine angebliche Aussage des OSZE-Vertreters Massimo Introvigne. Dabei handelt es sich um ein Internet-Gerücht, zu dem jegliche Primärquelle fehlt.

Beispiel eines islamfeindlichen Artikels in der Weltwoche.

Beispiel eines islamfeindlichen Artikels in der Weltwoche.

Die Parallelen zwischen der Weltwoche und der Basler Zeitung sind wenig überraschend, da BaZ-Chefredaktor und Blocher-Biograph Markus Somm vorher stellvertretender Chefredaktor bei der SVP-nahen Weltwoche war und nach der Übernahme der BaZ durch eine Investorengruppe um Christoph Blocher zu Basler Zeitung wechselte.

Massive Rüge des Presserats
Mitte November hat nun der Presserat die Basler Zeitung für diesen fragwürdigen Artikel massiv gerügt.

„Die «Basler Zeitung» hat mit der Veröffentlichung des Artikels «Die
unfreiwilligen Märtyrer des 21. Jahrhunderts» (Printausgabe vom 28. März 2013) respektive «Alle fünf Minuten wird ein Christ ermordet» (am 29. März 2013 auf «Basler Zeitung Online» veröffentlicht) die Ziffern 3 (Quellen), 5
(Berichtigung) und 8 (Diskriminierung) der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten» verletzt.“

Die Rüge betrifft also folgende Punkte (Nachfolgend werden einige der zahlreichen konkreten Vorwürfe des Presserats aufgezeigt):

  1. Unseriöse Verwendung von Quellen resp. Unterschlagung von Quellen und Entstellung von Informationen

„Vorliegend hätten dem Redaktor der «Basler Zeitung» bereits bei einer minimalen Internetrecherche Zweifel über die angebliche «Wissenschaftlichkeit» der Ausführungen «Mannheimers» kommen müssen.“

Das heisst, Autor Wehrli hätte mit einer kurzen „google-Recherche“ von 5 Minuten mit Leichtigkeit feststellen können, dass „Mannheimer“ eben kein Experte sondern das Pseudonym eines Rechtsextremen ist.

Weiter hat Wehrli keine Primärquellen genannt sondern beispielsweise Zitate von Alice Schwarzer und Ayatollah Khomeini aus Sekundärquellen unkritisch übernommen.

„Weiter unterschlägt der Artikel der «Basler Zeitung» vollständig, dass der Autor ganze Textpassagen zum Teil wörtlich aus einem umstrittenen Blog übernommen hat.“

Das heisst, Wehrli hat aus dem Hetzblog von „Mannheimer“ teilweise wortwörtlich abgeschrieben ohne eine Quelle zu nennen.

2.   Mangelhafte Berichtigung

„[…]hat Thomas Wehrli nicht bloss die als solche gekennzeichneten (und am 3. April aus der Online-Version entfernten) Zitate, sondern darüber hinaus wesentliche Passagen seines Artikels zum Teil wörtlich von Mannheimer bzw. Merkle übernommen. Darauf hätte die «Basler Zeitung» in einer Berichtigung zwingend hinweisen müssen.“

Die BaZ hat also nur die zwei Stellen entfernt, bei denen „Mannheimer“ als Quelle aufgeführt wurde. Alle jene Stellen, die Wehrli ohne Quellenangabe von „Mannheimer“ abgeschrieben hat, wurde nicht entfernt.

3.   Diskriminierung einer religiösen Gruppe

„Und er [Wehrli] behauptet, nicht bloss irgendwelche Extremisten, sondern die islamische Lehre als solche verlange, Ungläubige entweder zu bekehren oder auszulöschen. Danach vergleicht er den heutigen Islam mit der Naziherrschaft im Dritten Reich und insinuiert damit, im heutigen Islam hätten wie seinerzeit im Dritten Reich bloss noch Fundamentalisten das Sagen. […] Mithin
sei die gewaltsame Umsetzung der religiösen Ziele dem Islam inhärent und der
Islamismus nichts anderes als die natürliche Folge einer Religion, deren
heiliges Buch, der Koran, angeblich ebenso rassistisch wie Hitlers «Mein Kampf» sei. Mit diesem Amalgam zwischen berechtigter Kritik am islamistischen Fundamentalismus und Terrorismus und diskriminierenden Aussagen über den Islam verstösst die «Basler Zeitung» in schwerwiegender Weise gegen die Ziffer 8 der «Erklärung».“

Der Presserat kommt als klar zum Schluss, dass Wehrlis Artikel in schwerwiegender Weise eine religiöse Gruppe diskriminiert.

Auch Kritik am Tages-Anzeiger
Der Presserat kritisiert auch das Vorgehen des Tages-Anzeigers (gegen den auch eine Beschwerde eingegangen war).

„Hätte die Redaktion von «Tages-Anzeiger Online» bei genügender
Sorgfalt auf Anhieb erkennen müssen, dass der von der «Basler Zeitung»
übernommene Beitrag insbesondere gegen die Ziffer 8 (Diskriminierung) der
«Erklärung» verstösst? Angesichts der aussergewöhnlichen Virulenz des Artikels von Thomas Wehrli erscheint dies dem Presserat zumindest nicht abwegig. Und selbst wenn die Verletzungen der «Erklärung» für die Redaktion nicht so offensichtlich erkennbar waren, dass sie zwingend vor der Publikation hätte eingreifen müssen, wäre eine genauere Prüfung angesichts des heiklen Themas zumindest wünschbar gewesen.“

Auf eine Rüge wird allerdings verzichtet, weil der Tages-Anzeiger den Artikel unverzüglich entfernte, nachdem er auf den fragwürdigen Inhalt aufmerksam gemacht wurde.

Der Presserat bestätigt mit seiner massiven Rüge meinen Beurteilung vom 2. April: Der Artikel ist klar islamfeindlich und er zeugt von stümperhaftem Journalismus.

Es wird fleissig abgeschrieben
Es ist nichts Neues, dass zahlreiche Mythen über eine angebliche „Islamisierung“ Europas im Internet kursieren, die durch angebliche Aussagen von „Experten“, und angebliche „Fakten“ „belegt“ werden. Diese finden sich sowohl auf rechtsextremen Seiten wie auch auf Seiten von christlichen Fundamentalisten und Verschwörungstheoretikern. Dabei werden diese Mythen gegenseitig abgeschrieben und weiterverbreitet ohne dass eine seriöse Primärquelle vorhanden wäre. Dass nun aber auch etablierte Medien bei diesem Spiel mitmischen ist eine bedenkliche Entwicklung.

„Mannheimer“ häufig zitiert
Der rechtsextreme Blogger „Michael Mannheimer“ wird zudem in Kommentarforen, auf Politplattformen oder Facebook sehr häufig zitiert. Oftmals natürlich ohne Quellenangabe. Als Beispiel kann hier die Politplattform Vimentis genannt werden. Hier wurden in den letzten Monaten zahlreiche Aussagen aus dem „Mannheimer“-Blog wortwörtlich von Usern übernommen. Meist bleiben diese dann auch stehen, ausser der Beitrag wird von anderen Usern gemeldet.

3 Kommentare zu “Islamfeindlichkeit: Presserat rügt Basler Zeitung

  1. […] Islamfeindlichkeit: Presserat rügt Basler Zeitung. […]

  2. […] Schlemihls BLOG wird der ganze Vorfall so hervorragend dokumentiert, dass ich mir weitere Bemühungen gerne […]

  3. Vreni Schopfer sagt:

    von der Basler Zeitung erwarte ich auch nicht anderes. Leider……

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

EU

Die Europäische Integration ist eine Erfolgsgeschichte und hat unserem Kontinent Wohlstand und Sicherheit beschehrt. Von dieser Entwicklung profitiert auch die Schweiz.

Links

Neue Europäische Bewegung Schweiz (NEBS)

Grünliberale Partei (glp)

Grünliberale Partei (glp)

Operation Libero

Operation Libero

Psiram

Psiram

frei denken

Freidenker Vereinigung Schweiz

GWUP - Die Skeptiker

GWUP - Die Skeptiker

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

Schließe dich 294 Followern an

Statistik

  • 53,682 Besucher

Kontakt

peter.schlemihl@gmx.eu
www.schlemihl.org
%d Bloggern gefällt das: